MS BLEICHEN
 
 

DIE RÜCKKEHR

 

Am 27. April 2007 wurde der historische Stückgutfrachter OLD LADY im Rahmen einer feierlichen Zeremonie und bei strahlend schönem Frühlingswetter wieder auf seinen Ursprungsnamen zurückgetauft: BLEICHEN. Die Stiftung Hamburg Maritim hatte alle Sponsoren des Projekts, die vielen ehrenamtlichen Helfer sowie Förderer aus Stadt und Hafen eingeladen, beim Taufakt am Liegeplatz vor Schuppen 50 dabei zu sein.

Das Schiff lag über alle Toppen geflaggt an seinem Liegeplatz im Hansahafen, den Bug mit Girlanden geschmückt, am Steven prangte das frisch rekonstruierte Hamburger Wappen. Taufpatin Desiree von Michaelis-Gehrckens (31), jüngste Tochter des Reeders Heino Gehrckens, wünschte dem historischen Stückgutfrachter auch für sein „zweites Leben als Museumsschiff“ immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und war sichtlich stolz, das Schiff zurück auf seinen „Mädchennamen“ taufen zu dürfen.

Zuvor hatte Carsten Höpfner, dessen Vater Mitinhaber der Reederei Gehrckens und dessen Mutter beim Stapellauf 1958 Taufpatin der BLEICHEN gewesen war, der Stiftung Hamburg Maritim den noch erhaltenen Taufspruch überreicht: „Wo die Werft Dich gut gebaut – Wo der Reeder Dir vertraut- Und sich viele Hände regen Wünsche ich Dir zum Geleit M.S. BLEICHEN Glück und Segen und Bewährung alle Zeit!“

 

Die mit einem Blumenstrauß geschmückte Sektflasche zerknallte, so wie es sich gehört, gleich beim ersten Wurf, der begeisterte Beifall der 300 Gäste wurde nur noch übertönt durch das Dröhnen des Tyfons und durch das Böllern einer Signalkanone. Das anschließende Zeremoniell war nicht minder anrührend: Auf der Taufkanzel versammelten sich Zeitzeugen aus dem Schiffsleben.

Fast ein Dutzend Seeleute stellten sich vor, die zwischen 1958 und 1970 auf der BLEICHEN Dienst getan hatten, unter ihnen der 78jährige Hans-Erik Schuldt, von 1959-61 Kapitän der BLEICHEN. Carsten Höpfner und Andrea von Schröder, geborene Gehrckens, waren als Kinder in den Schulferien mitgefahren. Den Stapellauf 1958 hatte als einziger Prof. Peter Tamm miterlebt, der als junger Schifffahrtsreporter darüber im Hamburger Abendblatt berichtet hatte.

Am Mikrophon stellte er sich zur allgemeinen Erheiterung vor mit den Worten: „Mein Name ist Peter Tamm, ich bin Rentner…“ Jüngster Zeitzeuge war der türkische Reeder Cem Cantas, von dem die Stiftung den Frachter vor einem Vierteljahr erworben hatte und der extra zur Rücktaufe von Istanbul nach Hamburg gekommen war.

   

Beim wenig später stattfindenden Flaggenwechsel berichtete Cantas interessante Einzelheiten über die türkische Zeit des Schiffes. Als sein Vater den Frachter 1979 auf der Bremerhavener Seebeck-Werft ersteigerte, durften türkische Staatsbürger keine ausländischen Schiffe erwerben, weshalb er seine Reederei auf Malta anmeldete und sein Schiff zunächst unter Panama-Flagge betrieb. Weil von Schiffen unter Panama-Flagge im Schwarzen Meer aber horrende Hafengebühren verlangt wurden, flaggte er später nach Malta um. Wachsende Schwierigkeiten bei der Klassifizierung des überalterten Schiffes waren der Grund für weitere Flaggenwechsel – erst nach Nord-Korea, dann zu den Komoren. Letztere gestaltete sich deshalb überraschend schwierig, weil kein Schiffsausrüster eine Nationalflagge der Komoren besorgen konnte. In höchster Not musste deshalb ein Schneider mit deren Anfertigung beauftragt werden…

Gemocht hätten sie keine dieser Flaggen, berichtete Cantas, während zum letzten Mal die Komoren-Flagge am Heck niedergeholt wurde; aus Nationalstolz habe sein Vater wenigstens den Schornstein in den türkischen Nationalfarben rot und weiß malen lassen. Auf seine Empfindungen beim Hissen der deutschen Flagge befragt, versicherte Cantas, wie sehr es ihn befriedigt habe, sein altes Schiff jetzt in guten Händen zu wissen – er hätte es unmöglich noch lange weiter betreiben können.

   

Die Stiftung Hamburg Maritim hat sich nun zur Aufgabe gestellt, dieses einzigartige Schiff zu erhalten. Die BLEICHEN wird als wesentlicher Bestandteil des geplanten Hafen-Erlebnismuseums dienen und den Stückgutumschlag in den 50er Jahren des vorherigen Jahrhunderts zeigen. Der Stückgutfrachter hat die vielen Jahre mit erstaunlich wenigen Veränderungen überlebt, aber dennoch wird auch deutlich, dass es an Bord viel zu tun gibt. Unter den hölzernen Decksplanken sehen die Stahldecks böse aus, ebenso unter dem Fußboden-Estrich in den Kammern. Nach und nach soll ein Teil der historischen Inneneinrichtung vorsichtig ausgebaut, an Land aufgearbeitet und nach Abschluss der Stahlarbeiten wieder eingebaut werden. Die großen strukturellen Arbeiten sollen entweder mit praktischer Unterstützung von befreundeten Firmen oder durch Mitarbeiter von „Jugend in Arbeit Hamburg e.V.“ durchgeführt werden, die bereits mit einer Beschäftigungsmaßnahme auf der BLEICHEN präsent sind. Auch über eine Ausbildungsmaßnahme im Schiffbau wird nachgedacht, noch fehlen leider die entsprechenden Sponsoren.

Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder des Betriebsvereins „Freunde des Stückgutfrachters M.S. BLEICHEN e.V.“ kümmern sich um technisch knifflige Aufgaben wie Instandsetzung der alten Dieselaggregate, Pumpen und Kompressoren, häufig unterstützt durch die ursprünglichen Herstellerfirmen. Auf ähnliche Weise sollen nach und nach alle 8 Ladewinden samt Geschirr wieder auf Vordermann gebracht werden. Ladewinden, Ankerspill und Verholwinde achtern stammen aus der nicht mehr bestehenden Windenfabrik von Willi Baensch in Hamburg-Altona und werden mit 220-Volt Gleichstrom angetrieben, einer Technik, mit der sich nur noch wenige Spezialisten auskennen. Der Betriebsverein „Freunde des Stückgutfrachters M.S. BLEICHEN e.V.“ war kurz nach der Rückkehr des Schiffes im Februar 2007 gegründet worden und ist bereits über hundert Mitglieder stark, darunter viele ehemalige Gehrckens-Fahrer. Angesichts der vielen unterschiedlichen Aufgaben sind weitere Mitglieder sehr willkommen! Als Botschafterin der Stadt Hamburg soll die BLEICHEN wieder auf der Nord- und Ostsee fahren.